Frustrierende Klimmzüge, Barrierefreiheit und kundenfreundliche Websites: Ein Interview mit Andy Wiedemann

Barrierefreie Websites: Interview mit Andy Wiedemann; Motiv: Überforderter Junge vor steiler Treppe

© Mikito Tateisi | unsplash.com

Können Sie es sich leisten, Kunden zu verlieren? Wahrscheinlich nicht – doch ohne barrierefreie Website machen Sie es blinden und sehbehinderten Menschen schwer. Und wer sich nicht über Sie, Ihr Geschäft und Ihre Leistungen informieren kann, klickt zur Konkurrenz.

Zwar gibt es keine verlässlichen Angaben, wie viele blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland leben. Aber Schätzungen wie die des Blinden- und Sehbehindertenbunds in Hessen gehen von 155.000 Blinden und 500.000 hochgradig Sehbehinderten aus. Mein guter Freund Andy Wiedemann ist einer von ihnen: Er erzählt, was Sie tun können, um Blinde und Sehbehinderte für Ihre Angebote zu begeistern.

 

Du bist seit 1991 blind. Und ich weiß, dass du die Vorteile des Internets sehr schätzt. Wie oft bist du im Netz unterwegs?

Ich bin beinahe täglich im Netz und nur in Ausnahmefällen mal nicht online. Seit ich mir vor vier Jahren ein Smartphone zulegte, hat meine Zeit im Internet sogar noch zugenommen. Mit dem Handy ist es sogar während der Zugfahrt möglich – vorausgesetzt, man hat tatsächlich Netz.

Wofür nutzt du das Internet?

Wo anfangen mit der Aufzählung! Anfänglich beschränkte sich meine Nutzung hauptsächlich auf Nachrichtenseiten. Und später begann ich mit der Web-Recherche für meine beiden Studienfächer. Bald fiel mir auf, dass in Sachen Barrierefreiheit vor allem die amerikanischen Websites wesentlich besser nutzbar waren als viele in Deutschland gelistete Angebote.

Nach meinen ersten Online-Gehversuchen rief ich als passionierter Hobby-Discjockey die ersten mehr oder minder legalen Download-Sites auf, um mich mit Musik einzudecken. So fing ich mir auch meinen ersten Virus ein, der mich sozusagen zu meinem Glück zwang: Ich suchte vermehrt nach Einkaufsmöglichkeiten, die mich günstig und legal an Musik herankommen ließen. So begann meine Liaison mit Amazon und manch anderer Website. Später kamen dann Computer, Bücher, Kleidung, Nahrungsmittel oder E-Books dazu: Diese Dinge kaufe ich bis heute gern online ein.

Wenn wir in der Stadt unterwegs sind, kaufst du manchmal mit meiner Hilfe in der Drogerie oder im Supermarkt ein. Doch online kommst du allein klar.

Für mich hat sich durch die Möglichkeit des Online-Einkaufs eine ganze Welt wieder erschlossen. Sei es die Pizza, die ich online bestelle, weil ich am Handy oder am PC die Speisekarte lesen kann. Sei es die Überweisung, die ich bei meiner Online-Bank auf den Weg schicke. Oder sei es der Behördentermin, für den ich online nachschlagen kann, wie die Öffnungszeiten sind und welche Straßenbahnhaltestelle in der Nähe liegt.

Gleiches gilt für Restaurants und lokale Läden. Mein Leben ist mit mehr Planung verbunden. Und da hilft es, wenn ich die Speisekarte eines Restaurants schon halbwegs kenne oder sie gar als PDF auf dem Handy dabeihabe: Dann muss mir die gestresste Bedienung nicht in der vollen Gastwirtschaft genervt die Karte runterbeten. Auch kann ich Arztbesuche oder Bahn- und Flugreisen besser planen, wenn ich grundlegende Infos online abrufen kann. Da gibt es quasi keine Grenzen.

Welche Hilfsmittel nutzt du, um Websites zu lesen?

Einerseits nutze ich einen Screenreader. Das ist ein Zusatzprogramm, welches den Bildschirminhalt ausliest und mittels synthetisierter Sprache über die Soundkarte ausgibt. Zudem stellt es die ausgelesenen Informationen tastbar auf einem speziellen Blindenschrift-Display, einer sogenannten Braillezeile dar. Andererseits laufen heute eigentlich auf allen Handys bordeigene Screenreader.

Eher selten nutze ich einen Webbrowser, der speziell für blinde Computer-Nutzer entwickelt wurde und kostenlos zum Download bereitsteht. Er heißt WebbIE und hat den Vorteil, dass er massiv in die Website-Struktur eingreift und für mich unnütze Grafikbestandteile unter den Tisch fallen lässt.

Wenn Websites nicht barrierefrei gestaltet wurden: Welche Schwierigkeiten hast du dann?

Es gibt eine Vielzahl an Problemen, die jemandem wie mir die Nutzung einer Website erschweren oder sogar gänzlich unmöglich machen. Mir werden dann bestimmte Teile einer Website nicht oder nur unvollständig angezeigt. Bestimmte Buttons oder Auswahlmenüs sind für mich nicht bedienbar und führen dazu, dass ich Unterseiten nicht erreiche und Kontaktaufnahmen nicht zustande kommen.

Im Extremfall probiere ich dann ein paar Mal und gebe irgendwann frustriert auf. Solche Seiten sind dann eher nicht mehr auf meiner „Besucherliste“ zu finden. Ich sage mir dann oft, dass offensichtlich kein Interesse an mir als Kunden besteht. Doch zum Glück ist im Cyberspace viel Platz für Angebote, die ich ohne frustrierende Klimmzüge erreichen kann.

Was für Klimmzüge sind das genau?

Eine detaillierte Analyse kann man natürlich nur individuell, auf die jeweilige Website bezogen erstellen. Doch ich möchte zumindest ein paar Beispiele für grobe Fehler benennen, wenn du erlaubst.

Ich erlaube natürlich …

Ein Beispiel sind Captchas: diese verworrenen „Wimmelbilder“, mit denen Website-Betreiber das Spam-Aufkommen unterbinden wollen. Jemand, der kaum etwas oder gar nichts sehen kann, hat seine Probleme damit. Soweit ich weiß, haben selbst Leute mit halbwegs normalem Sehvermögen Schwierigkeiten, einen seltsamen Buchstaben-Zahlen-Code aus solchen Abbildungen herauszulesen und in ein Eingabefeld zu übertragen.

Wie wäre es anstelle einer Captcha-Abfrage zum Beispiel mal mit einer Frage oder Rechenaufgabe? Das lässt sich zufallsgesteuert implementieren. Die Eingabemaske fragt dann, wie die Bundeskanzlerin mit Nachnamen heißt, welches Datum heute ist oder wie viel „zwei plus sieben“ ergibt.

Dynamische Inhalte sind ein weiteres Ärgernis. Man stelle sich ein Auswahlmenü vor, mit dessen Hilfe ich auf verschiedene Unterbereiche einer Website zugreifen kann. So elegant es erscheinen mag, dass die Navigation quasi sofort ausgelöst wird: Wenn ich im Pulldown-Menü auf einen bestimmten Menüpunkt scrolle und sich eine neue Seite aufbaut, geht meine Sprachausgabe davon aus, dass tatsächlich eine neue Seite vorliegt.

Die Software fängt also an, die Seite von oben bis unten neu „abzutasten“ und neu vorzulesen. Ich erhalte nicht die Möglichkeit, das Pulldown-Menü Eintrag für Eintrag auszuwählen und es mir vorlesen zu lassen. Da hilft es schon, wenn ein Auswahlmenü nicht automatisch den Navigationsvorgang startet, sondern durch einen Klick auf „Go“ oder „Los“ vorher noch eine Bestätigung erfolgen muss.

Kaum eine Website kommt ohne Bilder aus. Welche Probleme bereiten dir Fotos oder Grafiken?

Fotos, Grafiken, Links und Schalter ohne Beschriftung oder mit Beschriftungen, die von irgendeinem Tool automatisiert erstellt wurden, sind ein Hauptproblem für viele Blinde. Im Alt- oder Title-Tag finden sich dann oftmals keine erklärenden Kurzbeschreibungen oder Schlagworte, sondern vollkommen sinnfreie Kürzel.

Ein Beispiel: Ist ein Button auf einer Website durch ein Piktogramm mit einem Pfeil gekennzeichnet, kann ich dieses natürlich nicht sehen. Auch die Sprachausgabe-Software ist damit überfordert, da sie diese Grafiken nicht interpretieren kann. Ist besagtes Piktogramm dann auch noch mit einem Alt-Tag wie „images/elements/buttons/846453u85866356487.jpeg“ versehen, muss ich leider die Segel streichen oder langwierig ausprobieren. Und ich habe, ehrlich gesagt, Besseres zu tun.

Was hindert Seitenbetreiber daran, statt einer verschwurbelten Techy-Chiffre für einen „Weiter“-Button auch das Wort „Weiter“ im Alt-Tag zu hinterlegen? Auch bei Alt-Tags für Fotos hilft es, wenn „Foto eines Sonnenuntergangs auf Bora Bora“ eingegeben wird: So kann ein Reisebüro seine Angebote wirklich zugänglich machen.

Wie sieht es mit anderen visuellen oder gar animierten Elementen aus?

Ticker und Laufbänder mit sich ständig verändernden Texten sind ein Beispiel, das ich an dieser Stelle nennen möchte. Es gibt ja Online-Shops, die ständig aktualisiert den zuletzt gekauften Artikel in einem Fensterchen präsentieren. Mindfactory hat das mal eine Zeit lang so gehandhabt. Das führte letztlich dazu, dass ich die Seite komplett gemieden habe.

Das Problem daran ist der sich ständig verändernde Seiteninhalt. Sobald in besagtem Fensterchen ein neuer Artikel auftaucht, erkennt das die Sprachausgabe-Software. Sie geht dann von einer vollkommen neuen Webseite aus, tastet diese erneut von oben nach unten ab und liest sie von oben an vor. Das ist besonders ärgerlich, wenn ich gerade den Bereich gefunden hatte, der mich eigentlich interessiert. Dann geht die Suche wieder von vorn los.

Und für Leute mit geringem Sehrest kommt es zum Beispiel sehr auf gute Kontraste bei der visuellen Gestaltung an. Wenn es an allen Ecken und Enden blitzt, blinkt und glitzert, trägt eine Website sehr schnell zur Reizüberflutung bei. Im anderen Extrem wird sie zur visuellen Einöde für sehbehinderte Nutzer, wenn zu sehr Ton in Ton gestaltet wurde.

Was möchtest du Websitebetreibern mit auf den Weg geben?

Wie es so schön bei Gestaltern heißt: „Form follows function“. Ein klares Nutzungskonzept hilft ungemein. Weiß ich, welche Funktionen meine Seite beinhalten soll, kann ich an die Gestaltung denken – und wenn die Website übersichtlich und nutzerfreundlich gestaltet wurde, ist auch schon ein großer Schritt in Richtung Barrierefreiheit getan.

 

Andy Wiedemann studierte an der Universität Leipzig Journalistik und Amerikanistik. Er arbeitete bereits bei Lokalzeitungen, für das Magazin „brand eins“ und für den MDR-Hörfunk. Zudem war er während des Studiums im Universitätsrechenzentrum tätig und initiierte den Aufbau der Buch- und Dokumentensammlung für Blinde und Sehbehinderte, die Grundlage der Literaturversorgung für Studierende mit Leseeinschränkungen an der Universität Leipzig ist.

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